Rezension zu TRAUMTÄNZERIN von Alicia Zett
FAKTEN ZUM BUCH
Titel: Traumtänzerin
Autor: Alicia Zett
Verlag: BoD - Books on Demand
Preis: 12,99€
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 2018
Buchart: Taschenbuch
Genre: LGBTQ* Liebesgeschichte, Coming of Age, Jugendbuch
Autor: Alicia Zett
Verlag: BoD - Books on Demand
Preis: 12,99€
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 2018
Buchart: Taschenbuch
Genre: LGBTQ* Liebesgeschichte, Coming of Age, Jugendbuch
KLAPPENTEXT / WORUM GEHT ES?
Charlie steht kurz vor dem Abitur, mit ihrem Vater redet sie kaum noch ein Wort und in der Schule würde sie sich am liebsten unter einem Tarnumhang verstecken.
Denn Charlie hat ein Geheimnis, das sie nicht einmal ihren zwei besten Freunden anvertrauen kann. Sie hat sich in ein Mädchen verliebt - genauer gesagt in ihre beste Freundin Mia.
Während Charlie nur Augen für Mia hat, entgeht ihr, dass jemand anderes alles tut, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen ...
MEINE MEINUNG / GEDANKEN ZUM BUCH
Ich folge Alicia Zett eigentlich seit Anfang an auf ihrem Youtube Kanal, da ich ihrer Freundin Cha Ginger schon länger folge und durch Cha dann natürlich automatisch auch auf Alicia gestoßen bin. Anfangs fand ich Alicias Videos noch sehr unangenehm zum Ansehen, da man sehr gemerkt hat, wie unwohl sich Alicia vor der Kamera fühlt und wie nervös sie ist. Im Laufe der Jahre hat die Nervosität aber stark abgenommen und ich fand es bewundernswert, wie offen sie über so viele LGBTQ* Themen auf ihrem Youtube Kanal spricht und finde es immer noch toll, dass sie so viel zur LGBTQ* Community durch ihre Videos beiträgt. Ihre Community zeigt sich in den Kommentaren auch immer als sehr tolerante und aufgeschlossene Gemeinschaft und ich habe Alicia auch letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse kurz getroffen. Auf Instagram hat Alicia unter ihren Bildern immer sehr lange und philosophisch-angehauchte Texte veröffentlicht, die mir nie wirklich zugesagt haben, aber sehr viel Lob vom Großteil ihrer Community bekommen haben. Als Alicia schließlich ankündigte, dass sie ein Buch veröffentlichen wird, stand ich dem Ganzen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Denn einerseits war mir klar, dass ich das Buch auf jedenfall lesen werde, da es sich um ein LGBTQ* Buch handelt und ich es mir irgendwie zum Ziel gemacht habe, so viele LGBTQ* Bücher wie möglich zu inhalieren :D Aber andererseits konnte ich eben mit Alicias Instagramtexten nie wirklich viel anfangen, weil sie mir viel zu pseudo-philosophisch und übertrieben metaphorisch und einfach nicht greifbar waren und ihr Schreibstil im Buch sicher in die gleiche Richtung gehen würde.
Das erstmal zu meiner "Vorgeschichte" zum Buch.
Der Titel und das Cover des Buches hat Alicia erst ganz knapp vor der Veröffentlichung bekanntgegeben und ich muss sagen, dass mich beides etwas abgeschreckt hat. Generell finde ich das Buch zwar von außen schön, da ich die Lilatöne mag und es als Taschenbuch sehr kompakt und fest ist und beim Lesen keine Leserillen entstehen, aber den Titel empfinde ich als ziemlich kitschig und jetzt wo ich das Buch gelesen habe, finde ich ihn auch etwas unpassend, da er und das Coverbild im Prinzip nur auf eine einzige, kurze, eher unwichtige Szene im Buch anspielen.
Was mir dagegen aber sehr gut gefällt, ist der Regenbogen auf dem Seitenrücken des Buches, auch wenn er nicht die gewöhnliche LGBTQ* Reihenfolge hat, was ich nicht ganz verstehe.
Im Großen und Ganzen wirkt das Cover mit Schriftart und Bild sehr kind/jugendhaft, aber es soll ja wohl auch primär Jugendliche ansprechen.
Beim Lesen selbst hatte ich anfangs kurze Einstiegsschwierigkeiten, eben aufgrund genau des Zweifels den ich schon wegen Alicias Instagramtexten hatte: Der Schreibstil ist sehr pseudo-philosophisch und schwer greifbar und besteht aus vielen Passivsätzen und sehr kurzen Sätzen, was mich anfangs sehr stolpern ließ beim Lesen. Glücklicherweise muss ich aber jetzt nach dem ganzen Buch sagen, dass man es dennoch sehr leicht durchlesen kann, da man doch sehr zügig in den Schreibstil reinkommt, auch wenn ich ihn jetzt nie wahnsinnig toll fand, da das Pseudo-Philosophische sich dennoch komplett durchgezogen hat und immer wieder stark in den Vordergrund getreten ist.
Bereits auf Seite 14 aber hat mich dieses Buch wahnsinnig wütend gemacht und ich konnte nicht fassen, dass sowas in einem Buch steht, das als LGBTQ* Buch angepriesen wird, worin es also primär um Toleranz und Akzeptanz gehen sollte. Ich fand es wirklich schade, dass die Autorin einem direkt nach nichtmal 20 Seiten solche Klischees entgegenwirft, die einem die Protagonistin sofort unsympathisch machen. Es handelt sich dabei um den ersten Auftritt der von der Hauptfigur Charlie als "Modelclique" bezeichneten Gruppe an Mädchen.
Ich konnte wirklich nicht verstehen, wieso jemand aus der LGBTQ* Community, die sowieso schon ständig mit Geschlechtervorurteilen zu kämpfen hat, selbst solche Vorurteile vertritt und auch noch an ihre Leser weitergibt.
"Mal davon abgesehen, dass alle drei alles andere als männlich aussehen. Vor allem Viktoria ist der Innbegriff von Weiblichkeit: Beige farbener Mantel, passend farblich lackierte Fingernägel, schwarze Skinnyjeans und einen hellgrauen Rundschal." (Seite 13,14)
Mir war vorher wirklich nicht klar dass diese Kleidungsstücke in dieser Farbe zusammen kombiniert den "Innbegriff von Weiblichkeit" symbolisieren und ich konnte bei diesen Sätzen wirklich nur die Augen verdrehen.
Es gab im Buch noch andere solche was-ist-typisch-männlich/weiblich-Klischees die mich jedes mal gestört haben, weil ich sie so unnötig finde und sie einfach nur diese Stereotypen weiter in die Köpfe junger Menschen brennen. Im Endeffekt wollte die Autorin damit wohl klar ihre Hauptfigur Charlie von diesen "typischen Mädchen" abgrenzen, in dem Charlie sich eben nicht wie der "Innbegriff von Weiblichkeit" kleidet und kaum Make-Up benutzt und sogar, omg, in der Männerabteilung shoppt. Ich empfand diese Identitätsfindung von Charlie insofern problematisch, als dass sie sich von anderen abgegrenzt hat, nicht indem sie ihr eigenes Ding gemacht hat, sondern indem sie all das was die anderen machen als negativ dargestellt hat und sich als "not that kind of girl" etablieren wollte. Das hat sie für mich einfach ziemlich unsympathisch gemacht. Und wieder hatte ich das Gefühl, dass die Autorin (wie es leider viele Autoren tun) einfach annimmt, dass man als Leser sowieso total auf der Seite der Protagonistin ist und deswegen jeden, den sie als blöd, "tussihaft", "not worthy of my time" wahrnimmt, einfach genauso von vornherein ablehnt. Aber das ist nun mal nicht der Fall. Dadurch dass Charlie so viele ihrer Mitschüler einfach stereotypisiert hat und in eine negative Schublade gesteckt hat, ohne dass ich das als Leser so wirklich nachvollziehen konnte, wurde mir einfach nur Charlie selbst unsympathischer.
Und gerade als LGBTQ* Person sollte man doch eben nicht wollen, dass einen Leute in eine Schublade stecken und einen kategorisieren und nicht tiefer schauen als das Label, etc.
Ich muss auch sagen, dass ich Alicia bei ihren Youtube Videos gar nicht so hasserfüllt gegenüber "typisch weiblichen" Mädchen eingestellt gedacht hätte.
Ich hatte große Hoffnung, dass sich im Laufe der 400 Seiten diese Klischeehaftigkeit und Stereotypisierung legt und vielleicht sogar eine Erleuchtung von Seiten Charlie passiert und sie ihr eigenes Schubladendenken mal hinterfragt. Natürlich könnte man argumentieren, dass das der Fall ist, da Charlie damit schon irgendwo konfrontiert wird, aber ein richtiges Umdenken findet bei ihr dennoch nicht statt und sie reflektiert auch nicht wirklich viel, weshalb sie auch nie eine charakterliche Tiefe erreicht - was ich bei einem Buch von 400 Seiten schon schade finde, da sie auf jedenfall genug Zeit dazu hatte.
So, aber jetzt kommen wir mal zu ein paar positiven Aspekten, die mir am Buch gefallen haben. Wie gesagt kann man es generell sehr leicht durchlesen, und ich muss auch sagen, dass ich ganz gern zum Buch gegriffen habe, da ich mich beim Lesen immer wie in einer Blase gefühlt habe und es doch schon interessant fand, mich mit Charlies Problemen auseinanderzusetzen und mal für eine Zeit aus meiner eigenen Realität zu entkommen.
Ich fand es toll und sehr nachvollziehbar in der heutigen Zeit, dass Charlie sich mit einem lesbischen Youtubepaar beschäftigt, da das wohl so das erste ist, was ein Jugendlicher der seine Sexualität hinterfragt heutzutage macht - erstmal nach Videos dazu auf Youtube schauen. Und gerade da die Autorin selbst eine queere Youtuberin ist die Content zu LGBTQ* Themen macht, war es ganz schön, dass sich ihre Protagonistin auch damit beschäftigt.
Allerdings wurde das Youtube Thema soweit ich mich erinnere nur einmal aufgegriffen, während eine andere "Ressourcenquelle" sehr viel mehr Raum im Buch bekommen hat: Carol von Patricia Highsmith.
Charlie liest Carol über das ganze Buch hinweg und teilt ihre Gedanken dazu mit dem Leser, was ich sehr schön fand aber auch ein Problem für mich darstellte, da ich selbst Carol weder geschaut noch gelesen habe, als ich mit diesem Buch anfing, dies aber noch vorhatte. Und da ich sehr sensibel bin was Spoiler angeht, habe ich mich nach der ersten Erwähnung von Carol bei der Autorin erkundigt und erfahren, dass Charlie das Ende von Carol kommentiert.
Kurz habe ich überlegt das Buch deshalb zu pausieren und Carol dazwischenzuschieben, habe mich dann aber dann doch dazu entschieden erstmal weiterzulesen, und es dauert auch eine ganze Weile, bis man zu diesem Spoiler kommt. Ich habe gerade nochmal nachgeschaut, und der Spoiler zum Ende kommt erst auf Seite 298. Ich habe mich dann dazu entschieden, den Film zu schauen, bevor ich vom Buch gespoilert werde und werde das Buch jetzt aber trotzdem noch lesen. Und ich fand es irgendwie ganz schön, dass ich Carol irgendwie so zusammen mit Charlie entdeckt habe.
Und generell finde ich es auch schön, wenn sich Buchcharaktere mit Büchern, Filmen, Serien beschäftigen die existieren und die man als Leser auch konsumieren kann.
TRAUMTÄNZERIN hat natürlich eine unleugbare Ähnlichkeit zu einem anderen deutschen LGBTQ* Buch, DEN MUND VOLL UNGESAGTER DINGE (meine Rezension: hier), und da fand ich es auch schon schön, dass sich die Hauptfigur mit einem LGBTQ* Werk auseinandersetzt und nicht nur mal kurz erwähnt, dass sie das anschaut (Bei "Den Mund Voll Ungesagter Dinge" war es der Film "Blau ist eine warme Farbe".), sondern sich intensiver damit beschäftigt. Natürlich kann man das dann als Leser nur wirklich genießen, wenn man sich selbst auch schon damit auseinandergesetzt hat, weshalb ich das eben bei Carol unbedingt machen wollte.
Als positiv habe ich auch die Kapitellänge empfunden, die weder zu kurz noch zu lang war und auch zum leichten Lesen beigetragen hat. Die Kapitel haben genau die Länge bei der man sich denkt "Ach, ein Kapitel geht noch."
Alicia hat vorher sehr viel Werbung für die Illustrationen im Buch gemacht, die ich, um ehrlich zu sein, nicht gebraucht hätte. Natürlich stören sie nicht - außer, dass wenn man schaut wie viele Seiten es zum nächsten Kapitel sind, man eventuell von der Illustration leicht gespoilert werden kann - aber ich muss sagen, dass ich mehr erwartet hatte. Es befinden sich zwar einige ganz schöne Zeichnungen im Buch, aber einige sind einfach vollkommen einfache Skizzierungen von Objekten wie einem Blatt Papier mit Stift, einem Keks, einem Trampolin, einem Haus oder einfach nur eines gebrochenen Herzen, die alle sehr "dahingekritzelt" aussehen, weshalb ich nicht ganz den Sinn dahinter verstanden habe. Am besten haben mir die Zeichnungen von zwei Mädchen gefallen und die Zeichnung von dem Buch Carol.
Als weiteres Gimmick hat Alicia zum Buch noch eine Spotify Playlist veröffentlicht, was ich eine schöne Idee fand, wovon ich aber nicht viel Gebrauch gemacht habe, da mir die Lieder nicht wirklich gefallen haben da einige deutsche Lieder dabei waren, und ich deshalb irgendwann aufgehört habe, mir die Playlist anzuhören. Außerdem fand ich es etwas schwierig die Songs den Kapiteln zuzuordnen und zu verstehen, wieso dieses Lied jetzt passend für dieses Kapitel sein soll. Zum Beispiel empfand ich "Holding Out For A Hero" als viel zu dramatisch für das Kapitel dem es zugeordnet wurde.
Ich habe bereits weiter oben geschrieben, dass ich dem Cover eher skeptisch gegenüber stehe, obwohl ich die Zeichnung der beiden tanzenden Mädchen anzich ganz schön finde, habe ich sie im Laufe des Buches als immer unpassender der Geschichte gegenüber empfunden. Vor allem als Charlie an einer Stelle explizit sagt, dass sie keine Röcke mag und generell sehr betont wird, dass Charlie sich gerne "männlich" kleidet, während das Cover sehr feminin rüberkommt.
Natürlich bezieht sich das Bild auf dem Cover auf eine Traumszene von Charlie in der sie ein Kleid trägt, aber irgendwie passt das Bild dass das Cover von der Liebesgeschichte zeigt nicht wirklich dazu wie die Liebesgeschichte dann aussieht. Denn ich hatte das Gefühl, dass die Autorin fast schon zu sehr versucht hat, eine extra ungeschönte Protagonistin zu zeichnen, während das Cover das genaue Gegenteil veranschaulicht.
Vieles in dem Buch habe ich einfach als viel zu übertrieben empfunden. Zum Beispiel das Kapitel in dem Charlie sich in der Männerabteilung (oh nein, wie furchtbar unweiblich!) eine Lederjacke kauft und danach deshalb gemobbt wird. Ich habe das als vollkommen unrealistisch empfunden, da man erstmal bei schwarzen Lederjacken doch ohnehin nicht so deutlich erkennen kann, ob die nun aus der Frauen- oder Männerabteilung stammen, und es doch außerdem niemanden interessiert, bzw. Klamotten aus der Männerabteilung doch eher momentan einen Hype erfahren? Boyfriend-Jeans werden doch extra vermarktet und viele Mädchen tragen Sweatshirts aus der Männerabteilung und generell wird es doch sogar als cool angesehen wenn Mädchen die Klamotten ihres Freundes tragen, die ihnen etwas zu groß sind? Ich hatte das Gefühl, dass das Kapitel wiedermal nur dazu da war um die von Charlie verhasste, stereotypisierte "Modelclique" als negativ und "typisch mädchenhaft" darzustellen, was ich als vollkommen unnötig und unrealistisch empfunden habe. Gerade weil Charlie bereits kurz vor dem Abitur steht fand ich das Verhalten so befremdlich, weil sich alle Charaktere eher wie 13 oder 14 Jährige verhalten haben. Und auch dieses Cliquenverhalten kam mir viel zu kindisch vor für fast-18-Jährige.
Das Interessanteste im Buch war für mich nicht die lesbische Liebesgeschichte sondern das Familiendrama von Charlie. Charlie hat in der Geschichte viel mit ihrem gewalttätigen Vater zu kämpfen, was der Geschichte mehr Tiefe gegeben hat und was ich sehr erschreckend aber auch gut fand, weil es wichtig ist, über häusliche Gewalt zu sprechen. Leider leider leider hat die Autorin bei diesem Thema bei weitem nicht das Potenzial ausgeschöpft dass sie sich das ganze Buch hinweg über aufgebaut hat. Ich finde es sehr schade, dass es einem nach dem Buch so vorkommt, als hätte die Autorin diese Nebengeschichte nur gebraucht um gegen Ende des Buches etwas Spannung in die Hauptgeschichte, die Liebesgeschichte, zu bringen. Wie kann man bei so einem wichtigen Thema wie häusliche Gewalt offene Enden lassen? Natürlich könnte man argumentieren dass es so realistischer ist, aber dieses Argument wurde auch nicht auf die Liebesgeschichte angewandt.
Was ich sehr schade finde ist, dass so wenig Harry Potter in dem Buch vorkommt, obwohl Alicia das extra angeteasert hatte. Es wird zwar stellenweise erwähnt, aber zum Beispiel viel weniger und viel oberflächlicher als Carol. Ich hatte eigentlich erwartet, dass Harry Potter eine zentrale Rolle für die Hauptfigur spielen würde.
Charlies Outing vor ihrer Mutter hat mir sehr gut gefallen, da es auch Inspirationen für die Leser gegeben hat, wie man das eigene Outing gestalten und was man sagen kann. Ich fand es sehr gut, dass man die Reaktion der Mutter mitbekommen hat, da ich es bei einem anderen Outing von Charlie sehr schade fand, dass nur geschrieben wurde, dass die Person all das sagte, was man bei einem Outing sagen soll, denn damit kann man als Leser nicht wirklich viel anfangen, wenn man auf der Suche nach Inspirationen ist, was man zu einer Person sagen kann, die sich gerade vor einem geoutet hat.
Charlies Outing vor ihrer Mutter hat mir sehr gut gefallen, da es auch Inspirationen für die Leser gegeben hat, wie man das eigene Outing gestalten und was man sagen kann. Ich fand es sehr gut, dass man die Reaktion der Mutter mitbekommen hat, da ich es bei einem anderen Outing von Charlie sehr schade fand, dass nur geschrieben wurde, dass die Person all das sagte, was man bei einem Outing sagen soll, denn damit kann man als Leser nicht wirklich viel anfangen, wenn man auf der Suche nach Inspirationen ist, was man zu einer Person sagen kann, die sich gerade vor einem geoutet hat.
Da ich bei Büchern auch immer die Danksagung lese, und diese mir bei einem der Bücher die ich zuletzt gelesen habe sogar für etwas womit ich im Buch Probleme hatte die Augen geöffnet hat (hier gehts zu meiner Rezension zu besagtem Buch), muss ich sagen, dass ich etwas enttäuscht davon war, dass Alicia ihre Freundin Cha in der Danksagung gar nicht großartig erwähnt hat, sondern sie nur in einer Listenaufzählung vorkam. Natürlich hat sie Cha bereits das Buch gewidmet, aber irgendwie hatte ich da trotzdem wenigstens einen Satz zu Cha erwartet, aber gut.
Leider kann ich an der Stelle nicht mehr zu den wichtigen Handlungsentwicklungen im Buch sagen, da ich ansonsten spoilern würde. Deshalb kommt jetzt erstmal mein Fazit und meine Bewertung. Und wer keine Angst vor Spoilern hat oder das Buch schon gelesen hat, kann danach noch meine ausführlichen Gedanken zu den "major plot points" lesen.
FAZIT
Ich habe sehr gemischte Gefühle was dieses Buch angeht. Generell habe ich es ganz gerne gelesen und es ließ sich auch sehr leicht lesen, obwohl ich den Schreibstil stellenweise sehr pseudo-philosophisch, abstrakt und kitschig fand. Leider hatte das Buch sehr viele Stereotype und Klischees bezüglich was "typisch weiblich" und "typisch männlich" ist, die ich gerade in einem LGBTQ* Buch extrem fehl am Platz finde, da man doch vom Schubladendenken wegkommen sollte, und wie soll das passieren, wenn selbst die queere Hauptfigur dieses Denken an die Leser weitergibt. Die Hauptfigur hat leider auch einige andere problematische Gedanken und Einstellungen an die Leser weitergegeben, zum Beispiel dass man beim Mobbing die Fehler eher bei sich suchen sollte und diese typische Einstellung von wegen "wenn mich jemand mobbt dann heißt das doch eigentlich dass er mich mag, denn was sich liebt das neckt sich". Generell baut die ganze Liebesgeschichte genau auf diesem problematischen Sprichwort auf, was ich sehr kritisch sehe. Aber dazu in meinem Spoilerteil mehr.
Auch fand ich es sehr befremdlich, dass Charlies schwuler bester Freund so klischeehaft schwul dargestellt wurde und konstant nur mit einer theatralischen Stimme sprach, die selbst Charlie irgendwann aufgeregt hat. Natürlich gibt es solche Schwule, aber es ist nunmal leider auch der Stereotyp der von allen als "wie Schwule sind" angenommen wird. Und Alicia hätte hierbei einfach die Möglichkeit gehabt, mit diesem Klischee zu brechen und einen schwulen besten Freund einzuführen, der nicht dem Klischee "schwuler bester Freund" entspricht.
Auch fand ich es sehr befremdlich, dass Charlies schwuler bester Freund so klischeehaft schwul dargestellt wurde und konstant nur mit einer theatralischen Stimme sprach, die selbst Charlie irgendwann aufgeregt hat. Natürlich gibt es solche Schwule, aber es ist nunmal leider auch der Stereotyp der von allen als "wie Schwule sind" angenommen wird. Und Alicia hätte hierbei einfach die Möglichkeit gehabt, mit diesem Klischee zu brechen und einen schwulen besten Freund einzuführen, der nicht dem Klischee "schwuler bester Freund" entspricht.
Wie gesagt, ich konnte mich nie zu 100% mit dem Schreibstil anfreunden und er fühlte sich wie das genaue Gegenteil vom CALL ME BY YOUR NAME Schreibstil an, welcher aus unendlich langen Sätzen besteht, die einem ein fließendes Leseerlebnis bescheren, während Alicias Schreibstil aus sehr vielen eher abgehakten Sätzen besteht. Die sich aber auch leicht lesen lassen, nur eben nicht wirklich schön zu lesen sind.
Die Illustrationen im Buch und die Spotify Playlist zum Buch hätte ich zwar nicht gebraucht, aber sie sind ein schönes Extra das einigen vielleicht Freude machen wird.
Die Kapitel im Buch haben durchgehend eine schöne Länge die weder zu kurz noch zu lang ist und genau perfekt dafür ist, um immer mal wieder ein Kapitel dazwischenschieben zu können.
Das Buch erinnert sehr stark an ein anderes deutsches LGBTQ* Buch, welches Alicia auch in den Himmel gelobt hat, Den Mund Voll Ungesagter Dinge von Anne Freytag. (hier gehts zu meiner Rezension dazu.) Es wird beim Lesen sehr deutlich, dass sich Alicia stark von dem Buch hat inspirieren lassen, was ich zwar im Bezug auf die Auseinandersetzung mit einem LGBTQ* Werk positiv finde, aber andererseits eher negativ finde, da ich schon Probleme mit DMVUD hatte und die Parallelen dazu TRAUMTÄNZERIN nicht unbedingt geholfen haben.
Leider mochte ich Charlie nie so wirklich, da ich nie das Gefühl hatte, sie wirklich zu kennen, da sich Charlie dem Leser gegenüber auch nie großartig geöffnet hat und keine Tiefen gezeigt hat, sodass es mir sehr schwer fiel, eine Bindung zu ihr aufzubauen.
Und mal wieder waren mir andere Charaktere weitaus sympathischer als die Protagonistin selbst. (Andere Rezensionen bei denen das der Fall war: Am I Normal Yet?, History Is All You Left Me, openly straight.)
Weitere Punkte werde ich nach der Bewertung in meinem Spoilerteil der Rezension besprechen.
BEWERTUNG
Ich verleihe diesem Buch 3 von 5 Sternen.
SPOILER
WARNUNG
Das Buch besteht zu einem großen Teil daraus, dass Charlie in Mia, ihre beste Freundin verliebt ist. Da aber auch sehr schnell deutlich wird, dass Mia sich für Jungs interessiert, hatte ich die Hoffnung, dass Mia sich als bisexuell outen wird, da es einfach kaum Repräsentation für Bisexualität gibt, und stets so getan wird, als gäbe es diese Sexualität gar nicht. Leider war das nicht der Fall.
Allerdings fand ich es andererseits auch spannend, dass Charlies erste Verliebtheit zu nichts führt, und dass da noch jemand anderes ins Spiel kommt und Charlie erstmal mit einem gebrochenen Herzen zu kämpfen hat.
Ich mochte es, dass Charlies neuer Love Interest Viktoria so langsam eingefädelt wurde, wobei ich schon von Anfang an diesbezüglich etwas vermutet habe, da es für den Leser einfach sehr offensichtlich gemacht wird. Aber gerade weil ich so große Probleme mit der Darstellung von Viktoria und der ganzen "Modelclique" hatte, fand ich es interessant, dass Charlie ihre Einstellungen der Clique gegenüber überdenken muss, wenn sich etwas zwischen Viktoria und ihr entwickeln sollte. Wie oben bereits gesagt, war das nicht so ganz der Fall wie ich es mir gewünscht habe. Leider ging es stattdessen eher in eine problematischere Richtung, bei der Charlie nicht ihre Einstellungen bezüglich was stereotypisch weiblich ist überdacht hat, sondern eher ihre Einstellung bezüglich Leuten die sie gemobbt haben. Nachdem Viktoria, die sie über Jahre hinweg beleidigt hat, sich als plötzlich super nett entpuppt hat, fragte sich Charlie irgendwann, ob das vielleicht auf die anderen auch zutrifft die sie ständig mobben - ob diese vielleicht eigentlich auch nett wären, wenn man sie nur besser kennen lernen würde. Ich fand das schon sehr problematisch, dass das Thema Mobbing so unter den Teppich gekehrt wird und Viktoria mit einer Erklärung basierend auf dem problematischen Sprichwort "was sich liebt das neckt sich" davon kommt. Wenn man über den Kontext Bescheid weißt, entpuppt sich auch der Klappentext als ziemlich blind gegenüber Mobbing und stellt Mobbing als Flirten da: "Während Charlie nur Augen für Mia hat, entgeht ihr, dass jemand anderes alles tut, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen..." Es wird ja damit Mobbing quasi als Möglichkeit um die Aufmerksamkeit von anderen zu bekommen vermarktet, was ich sehr kritisch sehe.
Generell war mir Viktoria eigentlich ziemlich sympathisch und ich mochte sie auch mehr als Charlie, aber dadurch dass doch oft erwähnt wurde, dass Viktoria Charlie jahrelang gemobbt hat, fand ich es schon ziemlich krass, dass Charlie dann einfach so schnell darüber hinwegkommen soll. Und auch ansonsten kam es mir sehr unrealistisch vor, dass Charlie, die so lange vor dem Buch und auch einen Großteil des Buches in Mia verliebt ist, von einem Tag auf den anderen sich plötzlich in Viktoria verlieben soll, die sie vorher verabscheut hat.
Es war sehr deutlich, dass Viktoria eigentlich nur deshalb interessant für Charlie ist, weil Viktoria die einzige ist, die ihr Aufmerksamkeit schenkt. Das hat mich stark an die LOVE, SIMON Verfilmung erinnert, wenn Simon immer sofort denkt dass jeder männliche Charakter der mit ihm redet, Blue ist.
Ich habe auch nicht verstanden, wieso Charlie ein paar Mal erwähnt, dass sie aus der Modelclique Sina eigentlich ganz attraktiv findet und sie auch anziehend finden würde, wenn sie vom Charakter nicht so blöd wäre. Wieso hat sie das nicht über Viktoria gesagt? Das hätte dem Leser das Indiz gegeben, dass Charlie auch schon immer wenigstens ein Auge auf Viktoria geworfen hat, aber eben wegen ihres Charakters abgeschreckt war. Dadurch hätte die Romanze der beiden mehr Sinn für den Leser ergeben, als wenn Charlie Viktoria nie wirklich anziehend fand, und plötzlich mega verliebt in sie ist und Viktoria so wunderschön für sie ist. Leider konnte ich Charlies Verliebtheit Viktoria gegenüber nicht wirklich abkaufen. Ich hatte das Gefühl, dass Charlie so sehr eine Freundin will, bzw. Aufmerksamkeit will, und Viktoria sich ihr eben "anbietet" und deshalb ist Charlie plötzlich Feuer und Flamme für Viktoria und entliebt sich von Mia auch extrem schnell, obwohl diese Verliebtheit so lange gedauert hat, und es einem eher unrealistisch vorkommt, dass Charlie sich dann so schnell entliebt. Aber Mia wurde ja gleichzeitig mit Viktorias Auftreten auch immer negativer dargestellt, da sie die Angst verkörperte, die jedes queere Mädchen hat, wenn es sich vor ihren Freundinnen outet - nämlich dass diese dann auf Distanz gehen und sich die Freundschaft total verändert und extrem distanziert wird.
Mir kam es auch so vor, als würde Charlie Viktoria nur als Ablenkung und Trostpflaster für Mia benutzen. Es war einfach seltsam dass Charlies Gefühle von Viktoria hassen zu Liebe des Lebens umschlagen sollen und man das als Leser abkaufen soll.
Generell fand ich die sich entwickelnde Romanze zwischen Charlie und Viktoria zwar ganz schön und man hat auch definitv gemerkt, dass sich da etwas anbandelt, aber da hätte die Autorin einfach mehr Zeit darauf verwenden sollen und weniger Zeit im Buch darauf, dass Charlie noch von Mia schwärmt.
Die Basis von Charlie und Viktorias Beziehung habe ich als sehr ungesund empfunden, da sie auf Beleidigungen und Hass aufbaut, was beides nie so wirklich zwischen den beiden geklärt wurde. Ich fand Viktorias Rechtfertigung damit, dass sie Charlie nur beleidigt hat um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen sehr schwach.
Charlie sehnt sich so sehr nach Bestätigung und Aufmerksamkeit, dass sie sich selbst klein macht und selbst zurücksteckt und irgendwie einfach vor sich selbst vergisst, dass Viktoria sie gemobbt hat, nur damit sie endlich mal die Aufmerksamkeit von jemanden erfahren kann.
Das finde ich einfach keine gute Message. Und gerade auch weil ich bei Alicia und Cha das Gefühl habe, dass die beiden eine healthy Basis für ihre Beziehung haben und dass diese nicht auf so einem toxic Grund aufgebaut wurde wie Charlie und Viktorias Beziehung hatte ich eigentlich gehofft, dass Alicia auch über eine gesunde lesbische Beziehung schreibt anstatt dass sich ihre unsichere Hauptfigur in ihre Exmobberin verliebt, nur weil das die Einzige ist die ihr Aufmerksamkeit schenkt.
Soweit ich weiß hat Alicia bisher keine Fortsetzung für das Buch angekündigt, aber irgendwie fehlt am Ende einfach was - zu viele Enden werden offen gelassen und man bleibt am Ende als Leser ziemlich unbefriedigt und mit einigen offenen Enden und Fragen zurück.
Dabei war mein Hauptproblem dass das Familiendrama nicht geklärt wurde. Dass Charlie ihrer Mutter nie erzählt hat, dass ihr Vater sie auch geschlagen hat, dass die Mutter den Vater nicht verlassen hat, dass ihn niemand angezeigt hat oder auch nur irgendeine Form von Konsequenz auf sein Verhalten gefolgt ist. Das fand ich sehr schade, denn diese Geschichte hat dem Buch eigentlich mehr Tiefe gegeben aber wurde von der Autorin einfach nicht zu Ende gebracht. Nachdem der Vater ausrastet und dafür sorgt dass Charlie das mit Viktoria beendet und sich dann alles nur noch darum dreht und wie sie jetzt wieder zusammenkommen, wird kein Wort mehr über den Vater verloren und was man dagegen jetzt unternehmen könnte. Da hat die Autorin so viel Potenzial einfach liegen gelassen.
Auch was die Liebesgeschichte angeht ist man am Ende nicht so ganz satisfied. Charlie sagt am Ende dass das erst der Anfang ist und dass ihre Geschichte erst anfängt, und ich denke ich wäre interessiert daran, eine erwachsenere Fortsetzung der Geschichte zu lesen.
Die meisten LGBTQ* Geschichten beschäftigen sich mit dem Coming Out und spielen in der Schule. Das was ich interessanter fände wäre das was nach dem Ende des Buches passiert und was auch viel mehr die Realität der Autorin wiederspiegelt: geoutet, mit Freundin und im Studium. Dabei könnte man noch so viele interessante LGBTQ* Aspekte aufgreifen die kaum in Büchern Repräsentation finden, da es zu 90% immer um das Coming Out, meistens immer in der Schule als Jugendlicher geht.
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